Wortschatz

Eindrücke des Lebens

Tage wie dieser

Es gibt Tage, da klebt einem die Scheiße an den Fingern, wie die Deutsche Bahn an einem unregelmäßigen Tagesablauf. Mir fällt der Lieblingsübertopf meiner Mutter auf den weiß gekachelten Fußboden in Scherben, es regnet, als müsste ich gleich ein großes Schiff bauen und sämtliche Raupengattungen auf einen sicheren Hügel bringen und mein Lieblings-T-Shirt weißt Flecken von unergründlicher Herkunft auf.

Und an einem dieser Tage habe ich ein Vorstellungsgespräch. Mir kommt’s hoch. Ich weiß nicht, wie ich das überstehen soll. Aber ich bin von Natur aus ein unverbesserlicher Optimist und habe gut gefrühstückt. Das muss klappen. Es kann gar nicht anders funktionieren.

Ich fahre pünktlich um 8 mit dem dunkelblauen Renault meines Vaters vom Hof und verfluche wieder einmal das nicht vorhandene CD-Radio. Ich würde jetzt schon gerne eine schöne CD hören, muss aber wieder auf meinen mp3-Player zurückgreifen, bei dem ich seit 2 Monaten die Musik nicht wechseln kann, weil der einen Wackelkontakt hat. Aber da muss ich jetzt durch. Und so fahre ich mit bekannter Musik eine unbekannte Strecke in einen noch unbekannteren Ort um dort hoffentlich einen Job zu bekommen. Bad Malente. Schöner Name eigentlich. Und das wäre mein dritter Kurort, in dem ich wohne. Vielleicht bin ich ja ein Kurortmensch. Aber das können wir später klären. Jedenfalls fahre ich jetzt. Meine Musik ist so laut, dass die Fliege, die seit Cottbus an meiner Windschutzscheibe klebt einen leichten bis mittelschweren Hörsturz bekommt. Ich bin noch von meinem guten Frühstück satt. Eigentlich geht’s mir gut.

Dann kommt der erste Schock aus dem Radio. Ein LKW hatte einen Unfall und ist so schön liegen geblieben, dass die Autobahn in beide Richtungen gesperrt werden musste. Sehr schön. Wenn man Auto fährt, will man genau so die Fahrt beginnen. Die Umleitung war, natürlich, ebenfalls nicht mit 80 km/h befahrbar. Nein, selbst die Fliege auf meiner Windschutzscheibe ist schneller als ich. Ich esse mein erstes Schnittchen und versuche meine Mutter anzurufen. Die hat zwar heute Geburtstag und wird wegen der überdurchschnittlichen Gratulationsflut kaum erreichbar sein, aber ich brauche jetzt eine extragroße Portion Muttivation. Sie ist natürlich nicht erreichbar. Stattdessen habe ich meine Schwester am Telefon, die mir erklärt, dass meine Mutter gerade mit meiner Cousine über Erziehungsmethoden fachsimpelt. Meine Cousine ... ich hör mittlerweile so wenig von ihr, dass ich glatt vergessen könnte, in welchem Grad ich mit ihr verwandt bin.
Meine Mutter soll mich sofort zurückrufen. Ich brauche, will, benötige meine Muttivation. Und so warte ich Leberwurstschnittchen essend und Alaskatafelwasser trinkend auf einen sehr wichtigen Anruf. Ich überlege kurz, was ich jetzt machen soll. Mit einem stumpfen Löffel Amok laufen? Den Chef anrufen und sagen, dass ich evtl. später kommen könnte, weil ein LKW meine Weiterfahrt verzögert? Meine Mutter meint, dass ich doch den zweiten Vorschlag in Angriff nehmen sollte. Sie hat nicht die Zeit um ihren missratenen Sohn im Cottbuser Knast zu besuchen, zumal sie nicht einmal weiß, wo genau der jetzt ist. Also rufe ich den Chef an.
„Hallo Herr F. ich werde es wahrscheinlich rechtzeitig schaffen. Ich stecke in einem riesigen Stau und kann auch keine andere Strecke nehmen, weil ebendiese Stau durch die Dörfer führt.“
Ich soll mir nicht die Ohren abfahren und ihn anrufen, wenn ich bei Hamburg bin, damit er die Zeit ungefähr abschätzen kann. Ok, letztendlich kann man an dieser Sache nichts ändern, denke ich mir und beiße in mein zweites Leberwurstschnittchen.

Drei Stunden später fahr ich wieder auf die Autobahn in einen sehr zähfließenden Verkehr. Wenigstens fließt es. Ich schaue auf meine Uhr, rechne mir meine verbleibende Zeit zusammen und gebe mich mit einem „Es wird knapp“ zufrieden. Damals, ja damals kannte ich Berlin noch nicht.

Berlin [bɛʁˈliːn] ist Bundeshauptstadt und Regierungssitz der Bundesrepublik Deutschland. Als Stadtstaat ist Berlin ein eigenständiges Land und bildet das Zentrum der suizidalen und verrückten Autofahrer. Berlin ist mit 3,4 Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste und flächengrößte Baustelle Deutschlands und nach Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Europäischen Union.

Kurz gesagt: Ich bin bedient

Ich fahre auf der A 10 und sehe vor mir, dass die Strecke gesperrt ist. Es wird gebaut. Toll. Sehr schön. Wenn ich jetzt wieder drei Stunden im Stau stehe, sieht es eng für mich aus. Ich habe nur noch zwei Leberwurstschnittchen. Plötzlich ein Schild. Anlieger können geradeaus fahren, Besucher nehmen die Ausfahrt „Grünau“. „hier wohnt jemand?“ denke ich mir und suche mit einem Auge nach einem Haus, an dem ich mal kurz parken kann um zu klingeln. Dann kann ich auch gleich fragen, wie man auf die bescheuerte Idee kommen kann direkt an einer Autobahn zu wohnen. Ich beschließ, kurzweilig ein Berlinerbesucher zu sein und nehme die Ausfahrt Grünau und suche nach einem Schild das mir zeigt, wie ich weiterfahren muss. Nichts, Nada, Niente. Genauso gut hätte man einen Zettel mit der Aufschrift: „Viel Spaß beim Suchen“ an einen Laternenpfahl kleben können.

Ich bin also völlig auf mich allein gestellt, in einer Stadt, die ich nur aus Bahnhofsicht kenne. Zehn Minuten später befinde ich mich in der Berliner Walachei und suche nach dem Zettel mit der Aufschrift: “Falsch gesucht“. Schnell noch mal geblitzt werden und dann fahren wir weiter. Immer geradeaus, so kommt irgendwann schon wieder auf die Autobahn. Komme ich auch. Auf die A 10 und weitere Zehn Minuten später befinde ich mich vor einer gesperrten Straße mit einem Schild auf dem steht, dass Anlieger geradeaus fahren dürfen und Besucher doch bitte die Ausfahrt Grünau nehmen möchte. Vor mir blitzen Lichter auf. Wahrscheinlich sind das meine Sicherungen, die durchbrennen. Ich fahre also anders. Irgendwie anders.

Das Anders fahren bringt etwas, wenn auch nur ein bisschen. Denn jetzt befinde ich mich wieder auf der Autobahn, die, laut Autoatlas, Richtung Hamburg führt. Ein relativ großer Umweg zwar, aber wenigsten komme ich an. Es ist 13 : 03 und um 14 : 30 habe ich den Termin. Ich muss mich beeilen und ein bisschen aufs Gas drücken. Aufs Gas drücken heißt hier 60 km/h. Vor mir fährt nämlich die Polilente auf ihrer Streife nach liegen gebliebenen und völlig verwirrten Berlinerbesuchern. Und wenn ich da mal so eben galant mit 120 überhole macht das bestimmt keinen Spaß. Außerdem regnet es einen gesamten Kleintierzoo und das sollte die Hoffnung doch schon etwas schmälern. Aber ich bin immer noch optimistisch und mein gutes Frühstück ist noch in meiner Erinnerung, irgendwie werde ich das Kind schon schaukeln.

Um 15 : 00 bin ich bei Lübeck. Ich suche eine Parknische mit integrierter Latrine um den Chef anzurufen und ihm mein Standort mitzuteilen. Kurz bevor ich ihn anrufen kann, klingelt mein Handy. Der Chef ist dran und fragt mich, wo ich denn wäre. „In der Nähe von Lübeck“. Ja, der Termin muss ja eingehalten werden, er habe bald Feierabend und es ginge ums Prinzip. Termin wird verschoben.

Lichtergewitter. An meinem inneren Auge ziehen 3 Stunden Stau, 2 Stunden suchen, 5 Stunden zittern und eine Ewigkeit mit einer vollen Blase vorbei. Ich kann’s ja verstehen. Ich selber würde auch nicht zwei Stunden auf jemanden warten wollen, der vor drei Stunden hätte da sein sollen. Und ich hasse Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit. Ich bedanke mich beim Chef und fahre auf den Parkplatz um meine Blase und Tränensäcke zu entleeren. Egon schlägt mit einem Eisenhammer auf mein gläsernes Seelchen und vor mir fliegt eine fett grinsende Fliege, die wahrscheinlich „ERSTER“ ruft.

Es hilft alles nichts. Ich muss wieder nach Hause fahren und darf mich darauf freuen, dass ich 12 Stunden unterwegs war und gut 100 Euro aus dem Fenster geschmissen habe. Wenigstens bin ich pünktlich zu „Heroes“ zurück, denn auf der Rückfahrt hat es natürlich nicht geregnet. Es hat auch keinen Stau gegeben und ich habe mich nicht verfahren.

Es gibt Tage, da klebt einem die Scheiße an den Fingern, wie eine gehässige Fliege auf der Windschutzscheibe. Die Frage ist aber nicht, was am Ende dabei rauskommt, sondern was man daraus macht. Wenn ich zu meinem nächsten Termin in Bad Malente fahre, dann einen Tag früher. Und beim Vorstellungsgespräch werde ich mit mehr als nur Willen glänzen können. Nämlich auch mit Anwesenheit und Ehrgeiz.

7 Kommentare 11.11.07 12:58, kommentieren

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Kaufland ... das Land der Gruppen

Da bin ich wieder. Voll und ganz. Mit dem Versprechen einer zusammenhängenden Anwesenheit.

Es ist 7:30 Uhr ... sagt zumindest meine Uhr, die dummerweise eine Viertelstunde vor geht. Und vor meiner Tür höre ich, wie meine Mutter mein Weckritual plant. M.J. auf meinen Rücken und wiehern. Oder so ähnlich. Und auf einmal steht sie mit einem Tadaa in der Tür und wundert sich, dass ich sie mit halbwegs offenen Augen anstarre und ihr ein "Ätsch" entgegenbrülle.

"Du bist schon wach?"
"Natürlich. Wenn vor einer 30 mm dünnen Tür ein kleines Schreimonster das hohe C im Minutentakt übt, kann man sich nicht Langschläfer nennen."
"Aber die war doch gar nicht laut. Die kleine Süße" sagt meine Mutter und schaut auf M.J., die gerade dabei ist meinen Nachttisch leerzuräumen. Leerräumen heißt in ihrem Fall, alles auf den Boden und mich zu schmeißen. Und dabei wird jeder einzelne Handgriff mit "Allealle", "Bua (Björn)" und "sietsch" kommentiert. Hilft beim Wachbleiben ungemein.

Also stehe ich auf. Wenn man so geweckt wird bringt es nichts mehr noch wach bleiben zu wollen. Außerdem müssen wir noch einkaufen. Heute ist Montag und jeden Montag wird das Kaufland zum Kreischsaal gemacht. Heute gehts aber. M.J. ist ausgesprochen gut gelaunt und grinst bis über beide Ohren. Könnte auch am Brötchen liegen. Vielleicht sollte man es mit Valium spritzen. Ganz wenig, nur für den Einkauf. Aber eigentlich gehts auch. M.J. ist zum Glück nicht eins von diesen Kindern, dass vor jedem Süßigkeitenregal plötzlich ohne Schokolinsen nicht mehr leben kann.

Richtig schlimm ist am Montag morgen im Kaufland aber eine andere Sache. Jeden Morgen, wenn ich durch die Gänge schlendere sehe ich drei verschiedene Menschengattungen. Zum einen die normalen. Darunter fallen z.B. meine Eltern, M.J. und ich. Dann wäre da noch die Gruppe der Komischen. Bei denen habe ich das Gefühl dass sie sich direkt nach dem Aufstehen eine Tasse Kaffee und zwei Schachteln Camel durch die Venen ziehen und dann erstmal einkaufen gehen. So stehen sie dann gedankenverloren und ungekämmt im Spielwarenregal und blicken einen fragend an, weil sie die Flasche Ouzo woanders vermuten. Als dritte Gruppe hätten wir die Seniorenleerveranstaltung. Man stelle sich fünf Omas mit Federhut im Gang vor. Die stehen als undurchdringlicher Gichtklumpen vor den gemahlenen Haselnüssen und freuen sich, dass sie noch so jung und ohne künstlichem Hüftgelenk zusammen kommen. Dann wird erstmal debattiert, wie locker denn nun ein Rührkuchen sein muss. Was wiederum heißt, dass man für die nächsten 20 minuten nicht mehr vorbeikommt. Andere Omis, die keine Zeit zum finden haben oder schon so alt sind, dass sie keinen mehr finden können halten den Verkehr anders auf. Und zwar ganz langsam. So langsam, dass man jeder einzelnen noch die Schuhe besohlen und mit einem Brandzeichen versehen kann.

Irgendwann sind wir mit ein paar Einnkaufstüten mehr wieder zu Hause. Heute ist ein großer Tag. Ich fahre zu meinem Vorstellungsgespräch. Mein erstes als Diätassi. Und ch bin schon jetzt aufgeregt, dass meine Kniee im 3/4 Tackt wackeln. Aber ich habe noch eine sehr lange Fahrt vor mir und da darf nichts wackeln.

Zur Not habe ich mir zwei mp3-Player mitgenommen. Da kann man schön viel Musik hören, ohne ständig zwischen den Sendern hin- und her schalten zu müssen. Zum Beispiel "Das optimale Leben" .... Vorsicht WERBUNG. Sehr schöne Musiksammelei mit tollen Texten. Deutsche Musik kann eben doch schön sein.

So ... jetzt hab ich erstmal genug. Das Gespräch und andere Sachen kommen später

1 Kommentar 31.10.07 18:56, kommentieren

kurzes Chaos

nordisch by nature

Ich habe einen neuen Sport für mich entdeckt. Nordic Walking. Sieht scheiße aus. Sagen zumindest die Autofahrer, die mir entgegen kommen und aus ihren runtergekurbelten Fenstern verwundert schauen und grinsen. Ich selber kann es nicht beurteilen. Wenn ich an mir runter schaue sehe ich nur Bauch. Aber ich mache es richtig. Man muss den Oberkörper mit bewegen habe ich mir sagen lassen. Dadurch wird der Oberkörper nämlich mit trainiert.

Ok. Also laufe ich los. Die Beine laufen und mein Oberkörper bewegt sich mit. Und während ich so nordisch Richtung Wald laufe kommt mir dieser Opel entgegen aus dem ein dicker, kleiner Hartz IV-Empfänger blöd entgegen gafft. Ich überlege schon genauso blöd hinterher zu gaffen, aber ich bin hier im tiefsten Osten, da spielt man schneller Bordsteinkantenknutschen, als einem lieb ist. Ich laufe also weiter. Hinterher rufen kann ich dem sowieso nichts mehr, seine Musik ist so laut, dass ich mir wünsche niemals über ihm zu wohnen.

Trotz der vielen Gaffer ... ich mach diesen Sport weiter. Auch wenn mir vor kurzem gesagt wurde, dass Nordic Walking eine Sportart für alte Bewegungslegastheniker mit hoher Knochenbruchrate ist ... ich werde auch morgen wieder kraftvoll walken.

Eine Klasse für sich

Ich bereite, wie schon mehrmals angekündigt, ein Klassentreffen vor. Am Anfang dachte ich ja, dass kein anderer außer mir mitmachen würde. Aber mittlerweile bin ich vom Gegenteil überzeugt. Fast jeder der Angerufenen Ex-Mitklässler war von der Idee begeistert. Gut es gab auch welche, bei denen ich nicht sicher war, ob sie sich wirklich freuen oder mit einer Flasche Whiskey vor einem offenen Fenster im zehnten Stock stehen. Aber das ist egal, sie können alles machen ... NACH dem Treffen.

Ich habe sogar Leute gefunden, die innerhalb der Grundschulzeit weggezogen sind. Und die haben wieder jemanden gekannt, der auch weggezogen ist usw. Ich kann jedem hier nur empfehlen; wenn ihr mal ein Emotionshoch benötigt, organisiert ein Klassentreffen. Man wird für sein Bemühen gelobt und es wird zusammen über die schöne Schulzeit geschwelgt. Da wünscht man sich noch mal, 8 Jahre alt zu sein. Das einzige Problem ist, welchen Belag man sich heute auf die Stulle schmiert. Aber heutzutage ist ja alles anders. Man verprügelt andere Leute um es mit seinem Handy nach Afghanistan zu schicken, blättert im Drogenkatalog und meint der Sinn des Lebens liegt in glasigen Augen. Da möchte ich kein Schüler sein. Früher war alles besser. In der Pause wurde Verstecken gespielt, der Lehrer sorgte noch für Recht und Ordnung und alles was farbtechnisch Augenkrebs erregte war in. Damals war es noch modisch im Jogginganzug oder Radlerhose zur Schule zu gehen, wenn man alten Klassenfotos Glauben schenken mag.

noch ein Wochenende

Noch ein Wochenende. Dann kann ich bei einem Krankenhaus anrufen und einen Termin für ein Vorstellungsgespräch ausmachen. Es wäre zwar nur eine befristete Stelle und das Ergebnis für meine favorisierte Stelle steht noch aus ... aber hey, wenn’s klappt, dann klappts und ich habe Arbeit.

Man stelle sich jetzt einen Applaus vor.

Zwischenzeitlich hatte ich ein anderes Stellenangebot in einem Cateringunternehmen. Nicht gerade das, was man als Diätassel anstrebt. Schließlich will man nicht den ganzen Tag kochen und am Band stehen, sondern auch ein paar Leute beraten. Ich hatte mich auch nur beworben, weil mein Arbeitsamt möglichst viele Beratungen sehen will. Wer hätte wissen können, dass ausgerechnet DIE sich für einen interessieren?

Für alle, die meine zeitweilige Abwesenheit verfluchen (ich weiß, ihr seid nicht viele). Ich verspreche Besserung. Im Moment ist es irgendwie komisch, aber es tut sich was.

8 Kommentare 11.10.07 14:25, kommentieren

Abschlussfeiern und ihre unangenehmen Nebenwirkungen

Ich stehe in einem viel zu kleinen Raum mit viel zu vielen Leuten, um mir von einer sehr wichtigen Frau sagen zu lassen, dass ich meinen Abschluss gerade noch geschafft habe. Die Frau ist so wichtig, dass sie sich weder ordentlich anziehen noch die Zähne putzen kann. Gut ... dass ein gewisser Kleidungsfehlgeschmack in dieser Branche durchaus üblich sein kann habe ich mittlerweile verstanden. Aber warum kann man sich nicht die Zähne putzen? Und warum lächelt einen gerade die Frau mit der Zahnpastaphobie immer wieder an?

„Mündlich eine 3, Praktisch eine 3 und schriftlich eine 2“
--- Schau nicht auf die Zähne, schau ja nicht auf die Zähne ---
„Öhm ... super. Ich bin ja total begeistert“ sage ich und versuche wenigstens mit dem Tonfall meine Enttäuschung zu verbergen. Eine 3. Dafür habe ich mir doch nicht drei Jahre lang den Buckel krumm gelernt. Aber wahrscheinlich hätte ich nicht nur meine Stimme, sondern auch meinen Körper unter Kontrolle halten sollen, denn meine Beine fangen an leicht zu wackeln. Frau Zahngewitter fragt nach meinem Befinden; ob ich mich setzen will. „Bloß nicht, sonst bekomme ich noch eine Mund-zu-Mund-Beatmung, ich muss doch meine 3 noch feiern.“ Gott, wahrscheinlich hätte ich es wie Fäkaldanni machen und mich drei Jahre lange im Arsch von gewissen Personen einnisten sollen. Vielleicht kann man am Schließmuskel die Beurteilungsfähigkeiten kontrollieren? Ich schreibe es mir auf meinen immer voller werdenden „Zettel der zu merkenden Wichtigkeiten“ und verlasse zitternd und zeternd den Raum.

Draußen stehen 11 fragende Gesichter. Selbst das dumme Kücken Peggy schaut so halb mit einer Mischung aus Neugier und Verachtung. Soll ich es denen sagen? Oder vielleicht die 3 in meinen kurz geschorenen Bart brummeln. Ich entscheide mich dazu das zu machen, was ich immer mache. Die, für mich, vernichtende Wahrheit. Gut ich sag es sehr leise ... aber ich sage es. Außerdem ist im Foyer die Stimmung so leise, dass man es hören könnte, wenn eine Ameise einen fahren lassen würde. Von Emily kommt ein: „Das ist doch gut“. Die hat gut reden. Emily ist eine der fleißigsten und klügsten Personen, die ich überhaupt kenne. Die Frau ist so souverän und kompetent, dass ich ihr ohne weiteres Nachfragen ein verschimmeltes Brot abkaufen würde. Und Emily hat natürlich das bekommen, was ihr zusteht. Eine 1 oder so. Emily sagt mir also, dass meine 3 gut sei. Ich glaube es ihr, obwohl ich weiß, dass 3 „befriedigend“ heißt. Aber sie sagt es so aufmunternd, dass ich mich doch ganz gut fühle und mit meiner guten 3 leben kann. Außerdem werde ich mir gleich ein paar alkoholische Getränke hinter die Binde kippen. Wer braucht dazu schon ein „gut“, oder gar ein „sehr gut“. Mit einer schlechten Note lässt es sich bekanntermaßen besser saufen. Man muss das Glas immer halb voll sehen. Eine 3 ist immer noch besser als eine 4. Und selbst Frau Zahngewitter hat mich bei der Notenverkündung angelächelt, als würden ihre Zähne nur noch einen Tag halten. Ich will diesen ganzen Argumenten mal Glauben schenken und mich mit einer Note zufrieden geben, die ich nicht wollte ... und auf die ich schon gar nicht hingearbeitet habe.

So gehe ich hoch. Frisch Emiliert und in Saufvorfreude. Was gibt es Schöneres, als mit Freunden zu Trinken und zu Essen. Wir sitzen zu sechst an drei Tischen auf dem Flur, weil die Wohnheimküche zu klein ist. Vor uns machen es sich eine Flasche Billigamaretto und zwölf Flaschen Biermix gemütlich, in der Hoffnung von mir geext zu werden. Nur leider habe ich so viel gegessen, dass ich nicht einmal Prost sagen kann. Und Amaretto-Apfelsaft schmeckt einfach nur scheiße-süß. Es hilft alles nichts. Ich muss mir die 3 schönsaufen. Außerdem ist erst dann Schluss, wenn man mit dem Finger im Hals plätschern kann.

Eigentlich hatte ich ja vor, das Ende meiner internen Abschlussfeier bis tief in die Nacht zu verlegen. Pustekuchen. Wenn der Rest der mitfeiernden am nächsten Morgen um sechs Uhr den Wecker klingeln hört, machen sie um neun Uhr das Licht aus. Einzig und allein Körstn und Tanja ... meine derzeitigen engsten Vertrauten halten am längsten durch. Und um zehn Uhr liege mich mit einem bescheuerten Amaratto-Apfel-Geschmack im Mund und zwei offenen Flaschen Biermix auf dem leeren Schreibtisch in meinem Bett und lasse die Prüfung im halbbesoffenen und vollgefressenen Zustand noch mal Revue passieren. Großer Fehler. Denn jetzt fällt einem alles ein, was man hätte besser machen können. Und dass einem ausgerechnet DAS im halbbesoffenen Zustand einfällt, macht die Situation keineswegs einfacher. Ich weiß jetzt zumindest, wie ich meine nächste Prüfung antreten werde. Richtig schwere Fragen lassen sich wahrscheinlich nur mit Fahne beantworten. Mein „Zettel der zu merkenden Wichtigkeiten“ wird um einen Punkt erweitert.

Am nächsten Morgen wache ich ohne den erhofften Kater auf. Eigentlich wollte ich die offizielle Abschlussfeier der Diätasseln kotzend vor Peggys Füßen beginnen. Ich hätte ihr in einem Durchlauf klar machen können, was ich von ihr halte. Aber wahrscheinlich wäre auch das in die Hose gegangen. Peggy erzählt so oft von ihren heiß geliebten Saufeskapaden, dass sie in meinem Erbrochenen nach dem restlichen Billigamaretto geschnüffelt hätte. Ich setze mich auf den letzten freien Platz, da ich, entgegen meiner Gewohnheit, der letzte eintreffende Diätschüler bin, und warte auf das Erscheinen der Schulleiter. Die brauchen, wie hätte es auch anders sein können, natürlich etwas länger und lassen uns eng zusammengepfercht auf harten Stühlen warten. Ich sitze direkt neben Steffen und vor Danni. Super. Neben mir der Klugscheißer, und hinter mir diejenige, die die Scheiße in den Arsch bringt. Warum gerade ich, denke ich mir und versuche ein letztes Mal ein bisschen Abendessen hervorzuwürgen. Dann komm Frau L. Zu erkennen an ihrem Lippenstift. Dunkelrot und alle Blicke auf sich ziehend. Ist auch ganz gut ... denn ihr Kleid erinnert einen an eine Blumenwiese auf einem tschernobylianischem Katzenfriedhof. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder heulen soll. Lachen, weil Frau L. wirklich lustig aussieht. Heulen, weil selbst das Kleid kein Abendessen aus mir raus bringt. Ich hätte mehr saufen sollen.

Frau L. hält ihre Rede so wie immer. Lang. Aber trotzdem irgendwie interessant, da sie noch einmal auf die Geschichte der Diätschule eingeht und verschiedene Stadien unserer Ausbildung rauspickt. Dummerweise ist sie nicht die Einzige, die uns mit einer Rede vom Essen abhält. Insgesamt reden fünf Leute. Einen davon habe ich vorher weder gesehen noch gekannt. Und der letzte schenkt mir Blumen. Wieder einmal verfluche ich meinen nicht vorhandenen Würgreiz und warte darauf, dass Danni mir die Schülerzeitung gibt, die von ihr und Carola mit fachkundigen Erfahrungen zusammengestelt wurde. Die Zeitung ist scheiße. Keine Anekdoten, keine Geschichte, noch nicht einmal die „lustigsten Sprüche“. Das einzig interessante sind die Seiten mit den Telefonnummern und Emailadressen der Schüler. Peggy nennt sich auf ihrer Emailadresse selbst „Hexe“. Meiner Meinung nach hätte „Gebärmutterhalskrebs“ besser gepasst. Aber das nur so nebenbei. Jetzt weiß ich, wie ich einzelne Personen auch nach meinem Abschied erreichen kann. Ob sie wollen oder nicht.

Danach gibt es einen Sektempfang. Ich kippe mir gleich zwei Gläser Sekt im Sekundentakt in den Rachen, in der Hoffnung meinen restlichen Alkoholpegel noch in die Höhe zu treiben. Klappt natürlich nicht. Ich merke nicht einmal den Ansatz eines schummrigen Gefühls. Also versuche ich es an der Cocktailbar. Das Thema der Abschlussfeier ist nämlich „Cocktailbar“. Aber dummerweise sind wir eine Diätschule mit alkoholabstinenter Schulleiterin. Und da gibt es natürlich nur Cocktails ohne Alkohol. Die heißen dann „Coco Schoko“ oder „Heiße Liebe“. Schmecken zwar, bringen aber nicht den gewünschten Erfolg. Also muss ich mir den Cocktailsuff einbilden. So stehe ich an der Bar und treibe den Umsatz in die Höhe, indem ich die Karte zweimal rauf und runter bestelle. Da sehe ich neben mir die Frau Mama von Peggy. Die Mama ist schätzungsweise so jung, dass sie Peggy mit 12 Jahren aus ihren Lenden gepresst haben muss. Allerdings kann ich das nicht so gut beurteilen, ich bin pseudobesoffen. Ich überlege kurz, ob ich Peggy-Mama zur Fehlgeburt gratulieren soll, lasse es aber, weil mich Peggy-Mama mit diesem Das-ist-der-also-Blick betrachtet.

Ich gehe torkelnd zum Stehtisch, an dem mein Vater und Opa stehen und leckere, selbst gekochte Kleinigkeiten essen. Auf dem Weg fragt mich Lisa, ob ich was getrunken hätte. Ich sag: „Ja und sei vorsichtig, das Zeug knallt“. Dann unterhalte ich mich ein wenig mit drei Leuten, werde diversen Freunden vorgestellt und gehe dann schnurstracks in die Küche, weil dort der Unterkurs das ganze Geschirr abwäscht und Essen nachschiebt. Ich begrüße Tanja mit einem herzhaften „Hey, Pussy“ und sag den anderen, dass sie gefälligst arbeiten sollen. Ich bleibe noch ein wenig, weil ich Tanja klarmachen muss, dass ich wirklich nichts einpacken will und gehe dann wieder. Erst jetzt merke ich, dass die Tür nicht gerade schalldicht ist, denn im Raum stehen einige Leute, die mich entsetzt anschauen. Ich sage nur, dass ich eine Entschuldigung habe, schließlich bin ich pseudobesoffen, und gehe zum Essstand.

Um mal zu einem Ende zu kommen. Die Feier war relativ schnell vorbei, wir sind nach Hause gekommen und ich habe meine ersten Bewerbungen geschrieben. Ich berichte weiter.

3 Kommentare 25.9.07 23:50, kommentieren

Geschafft

Ich habe lange auf mich warten lassen. Nennt es wie ihr wollt. Schaffenskrise, Künstlerpause, Gedanken sammeln oder auch vom Schock erholen. Alles trifft zu. Ehrlich gesagt hatte ich ein paar Tage lang sogar überlegt mit dem Blog komplett aufzuhören, aber dann kamen wieder einige Ideen und ich kann doch meine Ideen nicht einfach so in den Sand verlaufen lassen.

Apropos „in den Sand verlaufen lassen“. Ich habe die Prüfung bestanden. Und zwar mit der Note, die ich erwartet habe. 3. Nicht gerade das, was ich wirklich wollte, aber ich will mich hier nicht beklagen, dass mach ich in zwei Jahren beim VDD.

5 Kommentare 25.9.07 23:49, kommentieren