Wortschatz

nicht zum Lachen ... oder ... Stolz

Urlaub … während andere ihren Urlaub damit verbringen Sandburgen auf nicht deutschen Sandstränden zu errichten und sich dann hinterher von einem Hai vom Surfboard reißen zu lassen, sitze ich dort, wo ich meinen Urlaub schon immer mal wieder verbringen wollte … bei meinen Eltern.

Der Urlaub beginnt so, wie er wahrscheinlich enden wird, ich sitze mit drei anderen Generationen im Garten bei sengender Hitze am Tisch, stopfe mir Sahnekuchen zwischen die Rippenbögen und lausche den Gesprächen meiner Mutter und Großmutter.

„Die Elsbeth hat also einen neuen Stecher“
„BJÖRN“ Entrüstung macht sich breit … das ist die Tante Elsbeth. Ein bisschen mehr Respekt. Außerdem hat sie keinen Stecher, sondern einen neuen Lebensabschnittgefährten."

OOH … Etikette, Etikette … denke ich mir und schnalze mit der Zunge, während ich den Rotz hochziehe.

„Dann schneidet ihr also der neue Stecher das Leben ab. Ich bin entrüstet, pikiert und möchte mit diesem Proletariat nichts zu tun haben.“

Meine Oma versteht den Witz nicht. Sie versteht auch nicht, dass ich erst jetzt mitbekomme, dass die Trude von nebenan schon letztes Jahr im Winter gestorben ist. Muss irgendwie an mir vorbeigezogen sein. So was erzählt man auch nicht, wenn ich Geschenke auspacke. Sowas erzählt man davor … damit ich mich noch des Lebens erfreuen kann.

Mir wird das Familiengerede zuviel. Ich finde die Geschichten zwar interessant, aber ich habe keine Lust zuzuhören, wie die Silberhochzeit vor zwei Jahren hätte verlaufen sollen. Ich lege mich also in die Sonne. Denn schließlich will ich knackebraun wieder nach Malente zurück fahren. Immerhin habe ich das Maul aufgerissen und mit dem besten Wetter Deutschland geprahlt.

Ich liege gerade zwei Minuten unter Helios, da kommt meine Oma schon angerannt. In der linken Hand Sonnenmilch mit einem Lichtschutzfaktor oberhalb der letzten Wasserstandsmeldung von Leipzig, in der rechten Hand in Sonnenschirm mit 3 m Spannbreite.

„Du kriegst Hautkrebs, Björn, böser Hautkrebs!“
„Oma … bevor ich Hautkrebs kriege kommt Jesus auf die Erde und leitet die Apokalypse ein.“
„Darüber macht man keinen Spaß. Auf RTL haben die auch gesagt, das man Hautkrebs kriegt.“
„Wo meinst du? Beim Strafgericht? Oder bei Geißen?“ Der, nebenbei gesagt, doch selber aussieht, als hätte er eine Sonnenbank im Bauchfell implantiert.
Nein …über Hautkrebs wird nicht gelacht und man muss ja auch nicht in der prallen Sonne liegen.

Scheiß drauf.

Eine Woche später ziehe ich Bilanz. Meine Haut ist nicht wirklich richtig doll braun geworden (unbeachteter Kommentar meiner Oma: „Ich hab’s doch gesagt, wenn man auf dem Feld arbeitet wird man schneller braun“). Mein Bauch ist, dank der vielen Erdbeersahnetorten, prall gefüllt … ich könnte auf einem Kindergeburtstag jeder Pinata die Hölle heiß machen. Unser kleines Pflegekind hat 5 neue Wörter gelernt. Und auch dazu habe ich meinen Beitrag geleistet … „scheiße“ ist ein wirklich sehr individuell einsetzbares Wort.

Ich bin stolz auf mich.

Ich treffe mich mit einem Freund zum gesellschaftlichen Bier trinken. 16 Jahre nicht gesehen. Und in 16 Jahren kann viel passieren. Manchmal zuviel, wie es an seinem Beispiel zu erkennen ist. Gehirntumor, kaputtes Elternhaus und Drogeneskapaden sind nicht gerade das, was man 27 Lenzen erreicht haben will. Ich unterhalte mich mit ihm, frage, wann die Diagnose kam, was er vom Leben erwartet, wie er zum Tod steht und stelle das fest, was ich immer wieder feststelle.

Menschen, die gebeutelt sind, die immer wieder das erleben, was sie niemandem sonst wünschen … diese Menschen sind es, die ein Leben lebenswert machen. Weil sie dem Leben einen Wert geben.

Ich bin stolz auf ihn. Ich bin stolz auf uns.

Bald ist mein Urlaub zu Ende. Ein Urlaub voller Eindrücke, Erfahrungen und Fressalien. Und ich bin dem Hautkrebs ein Stück näher.

6.6.08 12:15

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