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Sonntags, 16 Uhr im Aldi

Malente ist schon ein komisches Örtchen. Cocktailbars haben nur am Wochenende geöffnet, in der Ortschaft werden konsequente 40 km/h gefahren und der Aldi lädt jeden Sonntag mal eben zum entspannten Resteverkauf ein.

Genau diese Tatsache fällt mir ein, als ich in meinen … sagen wir … kläglich bestückten Kühlschrank schaue. Kurz gesagt: er ist so leer wie mein Kopf nach einer durchzechten Nacht. Nichts vorhanden außer einer Flasche Rotkäppchen, die ich auch nur deswegen drin habe, weil die keiner trinken will. Ich muss einkaufen. Auf zum Aldi. Vorher noch schnell zur Bank, weil ich ja Geld abheben muss … schließlich will ich nicht mit meinem vollen Einkaufskorb an der Aldikasse stehen und dann mit einem neidvollen Blick auf die türkischen Mitbürger wieder alles einräumen müssen, weil ich vergessen habe, dass ich schon seit zwei Wochen mein Konto überzogen habe.

Ich stehe also an einem Sonntag vor dem Aldi und danke Gott, dass ich trotz sporadisch geöffneter Cocktailbar nach Malente gezogen bin. Hinein mit uns und für eine schlemmende Woche sorgen. Vorbei an dem superbilligen Leitungswasser mit Sprudelzusätzen für 0,19 €. Hinein ins Getümmel der leicht angeschimmelten Orangen, Mangos und Honigmelonen mit den Höchstgehalt an Zusatzstoffen seit der letzten Schadstoffmessung von Tschernobyl. Auf in den Krieg der spärlichen Wurstwarenauswahl, bei der man sich letzten Endes doch immer für die gleiche Sorten entscheidet. Kochschinken und Putenbrust „indisch“, die überhaupt nicht indisch schmeckt.

Ich stehe gerade vor dem Marmeladensammelsorium und frage mich, für welche Sorte ich mich entscheiden würde, wenn ich mal das Verlangen nach Marmelade haben sollte. Erdbeere? Schön ohne große Kerne mit einem Geschmack der einen an alles Mögliche erinnert. Erdbeerjoghurt, Erdbeereis, Erdbeermilch, Erdbeerkuchen und eben Erdbeermarmelade. Oder soll ich es mal riskieren und mich für eine extravagante Sorte entscheiden? Sauerkirsch-Banane. Ganz neu im Sortiment und irgendwie doch bekannt. Ich sage nur Ki-Ba … dieses neumodische Gesöff, das Frauen immer dann trinken, wenn sie sich nicht besaufen wollen. Die trinken dann Ki-Ba … für die Vitamine … und weil es hip oder so ähnlich ist.

Wohlgemerkt. Ich bin nicht in der Phase des Marmeladenverlangens. Ich frage mich nur, welche ich nehmen würde. Schließlich habe ich Zeit. Auf einmal … die gesamte Wurst- und Käseabteilung steht ohne Licht da. Plötzlich sieht diese ganze Arena des Brotbelags gar nicht mehr so appetitlich aus. Was die einem mit ein paar Glühbirnen und eine riesige Stromrechnung doch alles suggerieren können.

Aber was ist passiert? Sporadischer Stromausfall? Meine Gedanken kreisen:

„Die Schweine … die haben das Licht ausgemacht! Warum nur? Haben die auch nicht an E-on gedacht? Hat ein Marder die Leitung angefressen? Erdbeere oder Kirsch-Banane? MACHEN DIE SCHON SCHLUSS????

Mir fallen die Schuppen von den Augen. Eigentlich könnte es ganze Fische sein, denn erst jetzt bemerke ich, dass ich bis auf eine tapsige alte Oma und eine Jungfamilie mit kleinem Windelpupser der Einzige hier bin. Soviel zum Wocheneinkauf. Ich habe noch nicht einmal die Hälfte … Geschweige denn ein Viertel.

Auf zur Wurst. Unbeleuchtet sieht sie wirklich nicht gerade sehr einladend aus. Und der Käse sowieso nicht. Ich packe mir Kochschinken und indische Putenbrust ein, mache einen kurzen Halt beim Feta, weil das Rollo schon runter gezogen wurde. Kurz überlege ich, ob ich verlange, dass das Rollo wieder in den ursprünglichen Zustand übergehen soll, weil ich sehen will, ob der Feta auch unter dem Anstieg des Preises der Molkereiprodukte leidet. Ich lasse es aber und begebe mich zur Kasse.

Vor mir zuerst die Familie. Der Windelpupser schreit sich die Seele aus dem Leib und verzieht seinen speichelverseuchten Mund zu einer Fratze, die vielleicht mitleiderregend wirken soll. Dummerweise funktioniert das nicht einmal bei seinem Vater. Liegt wahrscheinlich auch daran, dass das Kind einfach nur potthässlich ist. So ein Kind würde ich auch nicht anschauen. Selbst wenn ich Vater und Mutter zugleich wäre und meine zukünftige Zeugungsfähigkeit davon abhängen würde. Bei diesen verkorksten Genen würde ich sowieso zur Totalsterilisation raten. Der Vater bezahlt endlich die Grillkohle. Ich frage mich innerlich, ob er sich auch für das richtige Grillgut entschieden hat und muss grinsen. Ein schreiendes, hässliches Kind auf dem Rost.

Danach die Oma. Sie läuft so langsam, dass die Milch auf dem Förderband sie zweimal überholt. Und genau diese Oma zählt Kleingeld. Vom genervten Kassierer, der wohl lieber ein Bierchen trinken würde, als die Euromünzen von Reichsmark zu trennen.

Ich bin dran. Der Letzte. So langsam atmet der Kassierer geräuschvoll aus.

„Endlich Wochenende?“ Frage ich ihn höflich. Schließlich bin ich ein netter Mensch. Erst nachdem er mich entrüstet anschaut und irgendwas in seinen nicht anwesenden Bart grummelt fällt mir auf das heute ja Sonntag ist und er Montag wieder auf der Matte stehen muss. Ach … der hat wahrscheinlich eh nur eine halbe Stelle und kann am Dienstag bestimmt wieder ausschlafen.

Beim Verlassen meines Lieblingslebensmitteldiscounters schaue ich auf das unscheinbare weiße Schild, auf dem in roter Schrift mit Großbuchstaben „Sonntag bis 16 Uhr geöffnet“ steht. Mit dem Gedanken, mir beim Wocheneinkauf richtig Zeit zu lassen, habe ich den Türkentempel um 15 : 55 Uhr betreten.

Super.

3 Kommentare 3.8.08 15:16, kommentieren