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Geschafft

Ich habe lange auf mich warten lassen. Nennt es wie ihr wollt. Schaffenskrise, Künstlerpause, Gedanken sammeln oder auch vom Schock erholen. Alles trifft zu. Ehrlich gesagt hatte ich ein paar Tage lang sogar überlegt mit dem Blog komplett aufzuhören, aber dann kamen wieder einige Ideen und ich kann doch meine Ideen nicht einfach so in den Sand verlaufen lassen.

Apropos „in den Sand verlaufen lassen“. Ich habe die Prüfung bestanden. Und zwar mit der Note, die ich erwartet habe. 3. Nicht gerade das, was ich wirklich wollte, aber ich will mich hier nicht beklagen, dass mach ich in zwei Jahren beim VDD.

5 Kommentare 25.9.07 23:49, kommentieren



Abschlussfeiern und ihre unangenehmen Nebenwirkungen

Ich stehe in einem viel zu kleinen Raum mit viel zu vielen Leuten, um mir von einer sehr wichtigen Frau sagen zu lassen, dass ich meinen Abschluss gerade noch geschafft habe. Die Frau ist so wichtig, dass sie sich weder ordentlich anziehen noch die Zähne putzen kann. Gut ... dass ein gewisser Kleidungsfehlgeschmack in dieser Branche durchaus üblich sein kann habe ich mittlerweile verstanden. Aber warum kann man sich nicht die Zähne putzen? Und warum lächelt einen gerade die Frau mit der Zahnpastaphobie immer wieder an?

„Mündlich eine 3, Praktisch eine 3 und schriftlich eine 2“
--- Schau nicht auf die Zähne, schau ja nicht auf die Zähne ---
„Öhm ... super. Ich bin ja total begeistert“ sage ich und versuche wenigstens mit dem Tonfall meine Enttäuschung zu verbergen. Eine 3. Dafür habe ich mir doch nicht drei Jahre lang den Buckel krumm gelernt. Aber wahrscheinlich hätte ich nicht nur meine Stimme, sondern auch meinen Körper unter Kontrolle halten sollen, denn meine Beine fangen an leicht zu wackeln. Frau Zahngewitter fragt nach meinem Befinden; ob ich mich setzen will. „Bloß nicht, sonst bekomme ich noch eine Mund-zu-Mund-Beatmung, ich muss doch meine 3 noch feiern.“ Gott, wahrscheinlich hätte ich es wie Fäkaldanni machen und mich drei Jahre lange im Arsch von gewissen Personen einnisten sollen. Vielleicht kann man am Schließmuskel die Beurteilungsfähigkeiten kontrollieren? Ich schreibe es mir auf meinen immer voller werdenden „Zettel der zu merkenden Wichtigkeiten“ und verlasse zitternd und zeternd den Raum.

Draußen stehen 11 fragende Gesichter. Selbst das dumme Kücken Peggy schaut so halb mit einer Mischung aus Neugier und Verachtung. Soll ich es denen sagen? Oder vielleicht die 3 in meinen kurz geschorenen Bart brummeln. Ich entscheide mich dazu das zu machen, was ich immer mache. Die, für mich, vernichtende Wahrheit. Gut ich sag es sehr leise ... aber ich sage es. Außerdem ist im Foyer die Stimmung so leise, dass man es hören könnte, wenn eine Ameise einen fahren lassen würde. Von Emily kommt ein: „Das ist doch gut“. Die hat gut reden. Emily ist eine der fleißigsten und klügsten Personen, die ich überhaupt kenne. Die Frau ist so souverän und kompetent, dass ich ihr ohne weiteres Nachfragen ein verschimmeltes Brot abkaufen würde. Und Emily hat natürlich das bekommen, was ihr zusteht. Eine 1 oder so. Emily sagt mir also, dass meine 3 gut sei. Ich glaube es ihr, obwohl ich weiß, dass 3 „befriedigend“ heißt. Aber sie sagt es so aufmunternd, dass ich mich doch ganz gut fühle und mit meiner guten 3 leben kann. Außerdem werde ich mir gleich ein paar alkoholische Getränke hinter die Binde kippen. Wer braucht dazu schon ein „gut“, oder gar ein „sehr gut“. Mit einer schlechten Note lässt es sich bekanntermaßen besser saufen. Man muss das Glas immer halb voll sehen. Eine 3 ist immer noch besser als eine 4. Und selbst Frau Zahngewitter hat mich bei der Notenverkündung angelächelt, als würden ihre Zähne nur noch einen Tag halten. Ich will diesen ganzen Argumenten mal Glauben schenken und mich mit einer Note zufrieden geben, die ich nicht wollte ... und auf die ich schon gar nicht hingearbeitet habe.

So gehe ich hoch. Frisch Emiliert und in Saufvorfreude. Was gibt es Schöneres, als mit Freunden zu Trinken und zu Essen. Wir sitzen zu sechst an drei Tischen auf dem Flur, weil die Wohnheimküche zu klein ist. Vor uns machen es sich eine Flasche Billigamaretto und zwölf Flaschen Biermix gemütlich, in der Hoffnung von mir geext zu werden. Nur leider habe ich so viel gegessen, dass ich nicht einmal Prost sagen kann. Und Amaretto-Apfelsaft schmeckt einfach nur scheiße-süß. Es hilft alles nichts. Ich muss mir die 3 schönsaufen. Außerdem ist erst dann Schluss, wenn man mit dem Finger im Hals plätschern kann.

Eigentlich hatte ich ja vor, das Ende meiner internen Abschlussfeier bis tief in die Nacht zu verlegen. Pustekuchen. Wenn der Rest der mitfeiernden am nächsten Morgen um sechs Uhr den Wecker klingeln hört, machen sie um neun Uhr das Licht aus. Einzig und allein Körstn und Tanja ... meine derzeitigen engsten Vertrauten halten am längsten durch. Und um zehn Uhr liege mich mit einem bescheuerten Amaratto-Apfel-Geschmack im Mund und zwei offenen Flaschen Biermix auf dem leeren Schreibtisch in meinem Bett und lasse die Prüfung im halbbesoffenen und vollgefressenen Zustand noch mal Revue passieren. Großer Fehler. Denn jetzt fällt einem alles ein, was man hätte besser machen können. Und dass einem ausgerechnet DAS im halbbesoffenen Zustand einfällt, macht die Situation keineswegs einfacher. Ich weiß jetzt zumindest, wie ich meine nächste Prüfung antreten werde. Richtig schwere Fragen lassen sich wahrscheinlich nur mit Fahne beantworten. Mein „Zettel der zu merkenden Wichtigkeiten“ wird um einen Punkt erweitert.

Am nächsten Morgen wache ich ohne den erhofften Kater auf. Eigentlich wollte ich die offizielle Abschlussfeier der Diätasseln kotzend vor Peggys Füßen beginnen. Ich hätte ihr in einem Durchlauf klar machen können, was ich von ihr halte. Aber wahrscheinlich wäre auch das in die Hose gegangen. Peggy erzählt so oft von ihren heiß geliebten Saufeskapaden, dass sie in meinem Erbrochenen nach dem restlichen Billigamaretto geschnüffelt hätte. Ich setze mich auf den letzten freien Platz, da ich, entgegen meiner Gewohnheit, der letzte eintreffende Diätschüler bin, und warte auf das Erscheinen der Schulleiter. Die brauchen, wie hätte es auch anders sein können, natürlich etwas länger und lassen uns eng zusammengepfercht auf harten Stühlen warten. Ich sitze direkt neben Steffen und vor Danni. Super. Neben mir der Klugscheißer, und hinter mir diejenige, die die Scheiße in den Arsch bringt. Warum gerade ich, denke ich mir und versuche ein letztes Mal ein bisschen Abendessen hervorzuwürgen. Dann komm Frau L. Zu erkennen an ihrem Lippenstift. Dunkelrot und alle Blicke auf sich ziehend. Ist auch ganz gut ... denn ihr Kleid erinnert einen an eine Blumenwiese auf einem tschernobylianischem Katzenfriedhof. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder heulen soll. Lachen, weil Frau L. wirklich lustig aussieht. Heulen, weil selbst das Kleid kein Abendessen aus mir raus bringt. Ich hätte mehr saufen sollen.

Frau L. hält ihre Rede so wie immer. Lang. Aber trotzdem irgendwie interessant, da sie noch einmal auf die Geschichte der Diätschule eingeht und verschiedene Stadien unserer Ausbildung rauspickt. Dummerweise ist sie nicht die Einzige, die uns mit einer Rede vom Essen abhält. Insgesamt reden fünf Leute. Einen davon habe ich vorher weder gesehen noch gekannt. Und der letzte schenkt mir Blumen. Wieder einmal verfluche ich meinen nicht vorhandenen Würgreiz und warte darauf, dass Danni mir die Schülerzeitung gibt, die von ihr und Carola mit fachkundigen Erfahrungen zusammengestelt wurde. Die Zeitung ist scheiße. Keine Anekdoten, keine Geschichte, noch nicht einmal die „lustigsten Sprüche“. Das einzig interessante sind die Seiten mit den Telefonnummern und Emailadressen der Schüler. Peggy nennt sich auf ihrer Emailadresse selbst „Hexe“. Meiner Meinung nach hätte „Gebärmutterhalskrebs“ besser gepasst. Aber das nur so nebenbei. Jetzt weiß ich, wie ich einzelne Personen auch nach meinem Abschied erreichen kann. Ob sie wollen oder nicht.

Danach gibt es einen Sektempfang. Ich kippe mir gleich zwei Gläser Sekt im Sekundentakt in den Rachen, in der Hoffnung meinen restlichen Alkoholpegel noch in die Höhe zu treiben. Klappt natürlich nicht. Ich merke nicht einmal den Ansatz eines schummrigen Gefühls. Also versuche ich es an der Cocktailbar. Das Thema der Abschlussfeier ist nämlich „Cocktailbar“. Aber dummerweise sind wir eine Diätschule mit alkoholabstinenter Schulleiterin. Und da gibt es natürlich nur Cocktails ohne Alkohol. Die heißen dann „Coco Schoko“ oder „Heiße Liebe“. Schmecken zwar, bringen aber nicht den gewünschten Erfolg. Also muss ich mir den Cocktailsuff einbilden. So stehe ich an der Bar und treibe den Umsatz in die Höhe, indem ich die Karte zweimal rauf und runter bestelle. Da sehe ich neben mir die Frau Mama von Peggy. Die Mama ist schätzungsweise so jung, dass sie Peggy mit 12 Jahren aus ihren Lenden gepresst haben muss. Allerdings kann ich das nicht so gut beurteilen, ich bin pseudobesoffen. Ich überlege kurz, ob ich Peggy-Mama zur Fehlgeburt gratulieren soll, lasse es aber, weil mich Peggy-Mama mit diesem Das-ist-der-also-Blick betrachtet.

Ich gehe torkelnd zum Stehtisch, an dem mein Vater und Opa stehen und leckere, selbst gekochte Kleinigkeiten essen. Auf dem Weg fragt mich Lisa, ob ich was getrunken hätte. Ich sag: „Ja und sei vorsichtig, das Zeug knallt“. Dann unterhalte ich mich ein wenig mit drei Leuten, werde diversen Freunden vorgestellt und gehe dann schnurstracks in die Küche, weil dort der Unterkurs das ganze Geschirr abwäscht und Essen nachschiebt. Ich begrüße Tanja mit einem herzhaften „Hey, Pussy“ und sag den anderen, dass sie gefälligst arbeiten sollen. Ich bleibe noch ein wenig, weil ich Tanja klarmachen muss, dass ich wirklich nichts einpacken will und gehe dann wieder. Erst jetzt merke ich, dass die Tür nicht gerade schalldicht ist, denn im Raum stehen einige Leute, die mich entsetzt anschauen. Ich sage nur, dass ich eine Entschuldigung habe, schließlich bin ich pseudobesoffen, und gehe zum Essstand.

Um mal zu einem Ende zu kommen. Die Feier war relativ schnell vorbei, wir sind nach Hause gekommen und ich habe meine ersten Bewerbungen geschrieben. Ich berichte weiter.

3 Kommentare 25.9.07 23:50, kommentieren